Babys_im_heilsamen_Winterschlaf.jpg

Babys im heilsamen Winterschlaf

Neugeborenen-Intensivstation – Neuer Inkubator hilft, durch Sauerstoffmangel entstandene Schäden zu mildern

VON PETRA NEUMANN-PRYSTAJ

Das mit Medikamenten ruhig gestellte Neugeborene hält eine Art Winterschlaf. Es liegt in der „Giraffe“, einem mit einer Decke abgedunkelten Inkubator. Die mit Gel gefüllte Kältematte hält seine Körpertemperatur konstant auf 32 Grad, um unerwünschte, doch unaufhaltsame Stoffwechselprozesse zu verlangsamen.

Drei Tage wird das Baby in der Neugeborenen-Intensivstation der Kinderkliniken Prinzessin Margaret in diesem Zustand gehalten und mit Muttermilch künstlich ernährt. Durch Elektroden ist sein Köpfchen mit einem Hirnstrommessgerät (EEG) verbunden. Die Kurvenlinie auf dem Monitor gibt Georg Frey, Leiter der Neugeborenen-Intensivstation und des Mutter-Kind-Zentrums am Klinikum in der Grafenstraße, jederzeit Aufschlüsse über die Gehirnfunktion. Manchmal liest er daraus eine frohe Botschaft ab und kann den Eltern Hoffnung machen, manchmal muss er sie aber auch mit der bitteren Wahrheit konfrontieren, dass ihr Kind trotz aller Bemühungen behindert sein wird.

„Ganz Südhessen profitiert davon“

Der neue, mit dem EEG ausgestattete Spezial-Inkubator „Giraffe“, rund 55 000 Euro teuer, ist ein Geschenk des Fördervereins Kinderkliniken Prinzessin Margaret. „Ganz Südhessen profitiert davon“, ist sich Georg Frey sicher. Weil die Geburt der gefährlichste Moment im Leben ist und er monatlich um Leben und Gesundheit von mindestens einem kleinen Patienten kämpfen muss, für den dieser Inkubator zukunftsentscheidend sein könnte.

In der Neugeborenen-Intensivstation in der Grafenstraße werden jährlich rund 650 kranke oder zu früh geborene Kinder aus der Region sanft und unterstützend behandelt. Sobald ein Kind mit Sauerstoffmangel zur Welt kommt, schrillen alle Alarmglocken. Dann entscheidet jede Minute über den Verlust von Hirnfunktion. Frey vergleicht den Zustand solcher aphyxischer (übersetzt: „pulsloser“) Babys mit dem eines älteren Menschen, der einen Schlaganfall erlitten hat. Nach Atemstillstand und Wiederbelebung des kleinen Patienten setzt innerhalb eines Zeitfensters von einer Stunde eine zweite Welle ein, die zum Tod von Hirnzellen führen kann, weil sich Milchsäure im Blut angehäuft hat. Dieses Zeitfenster muss genutzt werden, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

Dies geschieht durch die sofortige Unterkühlung (Hypothermie) des schwerstkranken Kindes. Die Methode wirkt: Im Durchschnitt kommt von sechs Kindern mit Sauerstoffmangel eines unbeschadet davon, die anderen mit Abstufungen. Aber ohne die Unterkühlung wären alle sechs mit großer Wahrscheinlichkeit schwerstbehindert.

Alle Prozessabläufe in der Station sind klar geordnet. Während der dreitägigen Unterkühlung müssen die Körperfunktionen des Neugeborenen Tag und Nacht kontrolliert werden, müssen jederzeit Laboruntersuchungen möglich sein.

Es geht nicht um das Überleben um jeden Preis, sondern um das Überleben mit möglichst viel Lebensqualität, beteuert Frey. „Jeder kleinste Schritt muss gut überlegt sein. Jede Sekunde entscheidet über die Hirnfunktion – und über die nächsten 85 Jahre des Kindes. Ob es Abitur machen kann oder einen Realschulabschluss. Ob es ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Oder auf andere Menschen angewiesen
ist.“

Dem „Kühlkind“ sieht man nichts an

Die Unterkühlungsmethode wendet er schon seit den neunziger Jahren an. Studien aus dem Jahr 2005 haben inzwischen eindrucksvoll ihren Erfolg bestätigt, vor allem, wenn bei den Kindern noch zusätzlich ein Hirnmonitoring angewandt wird, das den Arzt ständig über den Grad der Schädigungen informiert. Dem Kind kann man ja nichts ansehen, seine Defizite zeigen sich erst Wochen und Monate später.

Eng arbeitet die Neugeborenen-Intensivstation mit der Gynäkologie im selben Gebäude und der Augenklinik in Eberstadt zusammen: mit der Gynäkologie, weil bei Risikogeburten vorsorglich ein Kinderarzt in den Kreißsaal bestellt werden kann, mit der Augenklinik, weil Sauerstoffdefizite zu Blindheit führen können. Die guten Ergebnisse der Methode seien den Mehraufwand wert, meint Frey. Trotz der höheren Kosten dürfe diese Therapie Kindern mit Sauerstoffmangel nicht vorenthalten werden. Stolz erwähnt er das vorzügliche Abschneiden seiner Abteilung bei der externen Qualitätssicherung.

Obwohl die Zahl der Geburten bundesweit abnimmt – nicht aber in Darmstadt, wir berichteten – bleibt die Zahl der kranken Neugeborenen konstant oder ist sogar im Steigen begriffen. Der Neonatologe (Kinderintensivmediziner) führt dies auf das höhere Alter der Mütter bei der Geburt, aber auch auf ihr Übergewicht zurück. Adipositas (Fettleibigkeit mit Folgeerkrankungen) habe in den letzten Jahren stark zugenommen.

In Hessen kommt jedes zwölfte Baby zu früh zur Welt. Um so wichtiger ist es, dass eine Kinderklinik die bestmöglichen Rahmenbedingungen vorhält, damit sich die Neugeborenen gesund entwickeln können.

Darmstädter Echo 24.06.2008

Zurück