Alice City

Das Flaggschiff von „Alice City“ Kinderkliniken

Einweihung des 13-Millionen-Neubaus – Zahl der Patienten hat sich seit 1996 mehr als verdoppelt

VON PETRA NEUMANN-PRYSTAJ Auf diesen Augenblick haben die baulärmgeplagten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinderkliniken Prinzessin Margaret seit Monaten gewartet. In den nächsten Tagen werden sie in den sechsgeschossigen Neubau (Zweiter Bauabschnitt) an der Dieburger Straße umziehen. Jetzt endlich haben sie genug Platz, um Behandlungsabläufe zu verbessern. Die psychosomatische Tagesklinik und das Sozialpädiatrische Zentrum, das Kinder mit Behinderungen oder mit drohender Behinderung aufnimmt, können erweitert werden, dadurch verringern sich die Wartezeiten.Außerdemwird ein zweites Spielzimmer und ein Schulzimmer eingerichtet. Und die Eltern bekommen einen separaten Aufenthaltsraum.

Die weiße Fassade des kompakten Neubaus an der Dieburger Straße, dem Flaggschiff unter den Neubauten im Quartier, wird von bunten Längsstreifen aufgelockert. Ein mit viel Glas verkleideter Zwischentrakt verbindet den ersten Bauabschnitt, der wegen seiner besonderen Blütenform „Prima Flora“ genanntwird (Prima ist die Abkürzung für Prinzessin Margaret), mit dem Neubau an der Straße.

Der Eingang wird verlegt – und zwar in diesen Trakt, dahinter schließt sich ein Foyer an, das gestern als festliche Zone diente: Hier trafen alle zusammen, die auf der politischen Ebene oder als Förderer und Sponsoren an dem Bauprojekt beteiligt gewesen waren. Sie wurden Zeugen der Schlüsselübergabe und der Durchtrennung eines roten Bändchens.

Wer heute in die Dieburger Straße komme, habe das Gefühl, einen neuen Stadtteil zu betreten, meinte der Bauherr, Richard Röhrig, der Kaufmännische Geschäftsführer des Alice-Hospitals. Erst vor drei Monaten seien die neuen Ärztehäuser auf der anderen Straßenseitemit Tiefgarage und Rewe-Markt eröffnet worden, und schon kursierten dafür etwas übertriebene Bezeichnungen wie „Alice City“ oder „Alice-Campus“.

Ohne Förderung des Landes Hessen wäre der Neubau nicht möglich gewesen, betonte Röhrig und dankte ausdrücklich der früheren Sozialministerin Silke Lautenschläger. Von den insgesamt 26Millionen Euro für beide Bauabschnitte (Zweiter Abschnitt: 13 Millionen) seien 19,5 Millionen (9,75 Millionen) vom Land finanziert worden, präzisierte Röhrig. Eine halbe Millionen stamme aus Stiftungen und vom Förderverein der Kinderkliniken, der Rest aus Eigenmitteln des Trägers.

Beide Gebäude mit ihrer Bruttogeschossfläche von 11 000 Quadratmeter seien 3,5 mal größer als die „alte, schnuckelige Eleonorenkinderklinik“, die zuvor an der Stelle der Neubauten gestanden habe.Dank des Gene- ralunternehmers, einer Ulmer Baufirma, sei es möglich gewesen, die Bauzeit gegenüber dem ersten Bauabschnitt um ein Jahr zu verkürzen.

Kaufmännisches Ziel: eine schwarze Null

Mit diesem neuen Gebäude könnten sich die Kinderkliniken den Herausforderungen der Zukunft stellen. An der Spitze zu bleiben, sei nie einfach. Der Umsatz – 20 Millionen – entspreche dem eines mittleren Unternehmen. Ein Krankenhaus sei jedoch kein Produktionsbetrieb, und das kaufmännische Ziel eine schwarze Null. Röhrig erinnerte an den Leitspruch von Großherzogin Alice: „Wir arbeiten gemeinsam am Erreichen eines humanen Zieles und können einander nicht entbehren“. Jeder müsse wissen, dass er ohne die anderen nichts erreichen könne.

Der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner sagte, früher habe man geglaubt, kranke Kinder wie kleine Erwachsene behandeln zu können. Sie – und ihre Eltern – brauchten aber eine andere Art der Zuwendung. Die Grundvoraussetzung dafür sei in den Kinderkliniken Prinzessin Margaret geschaffen worden. Das inhaltlich hervorragendeAngebot spiegele die Ziele der hessischen Gesundheitspolitik wider.

Als wichtigstes Zentrum der Kinderheilkunde in der gesamten Region bezeichnete Oberbürgermeister Walter Hoffmann die Kinderkliniken. Besonders hob er das Engagement und die hohe Qualifikation ihres Leiters, des Chefarztes Bernhard Lettgen, hervor. Viele positive Effekte für die Stadtentwicklung hätten sich dank der Neugestaltung des Quartier an der Dieburger Straße ergeben.

Was Land und Träger finanziell nicht leisten könnten, müsse der Förderverein beisteuern, erklärte Gabriela Hoffmann, Vorsitzende des Fördervereins. Sie nannte beeindruckende Zahlen: Zum ersten Bauabschnitt habe der Verein 85 000 Euro beigesteuert, zum zweiten 350 000 Euro – Geld, das verwendet wird, um den Aufenthalt für die Kinder so angenehm wie möglich zu gestalten.

Architekt Diethelm Lang gab einen kurzen Rückblick über die Entwicklung des Bauprojekts. Vor elf Jahren habe er noch den Auftrag bekommen, Sanierungsmaßnahmen imKeller dermaroden Eleonorenkinderklinik vorzunehmen. Damals seien die erstenVisionen einer neuen Kinderklinik entwickelt worden.

Chefarzt Bernhard Lettgen dankte allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, allen Förderern und Sponsoren, bevor er mit „Leistungsdaten“ aufwartete. 1996, vor Gründung der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret (einem Zusammenschluss von städtischer Kinderklinik mit der Eleonorenkinderklinik der Stiftung Alice- Hospital), wurden rund 2000 kleine Patienten stationär aufgenommen, inzwischen seien es mehr als 5000.

Im ambulanten Bereich ist die Fallzahl von 5000 auf über 16 000 Patienten gestiegen. Und das, obwohl die „Prima“ in Form von vier Unikliniken in der Nachbarschaft starke Mitbewerber habe.

Mehr Pflegetage, kürzerer Aufenthalt

Die mittlere Liegedauer sei auf 3,5 Tage halbiert worden, während die Pflegetage um 50 Prozent auf etwa 25000 angestiegen seien. Heute haben die Kinderkliniken 311 Mitarbeiter (vor 11 Jahren: 198). Wegen der kontinuierliche Weiterentwicklung zu einem hochspezialisierten Krankenhaus sei es nötig gewesen, neue Ärzte – zur Zeit 31, früher 14 – und Pflegepersonal (197, früher 103) einzustellen.

Lettgen ging besonders auf die PsychosomatischeAbteilung ein, die in die ersten Neubau- Etage einzieht. Das Diagnosespektrum habe sich verändert, immer mehr Kinder in akuten Krisen,mit depressiven, emotionalen oder Ernährungsstörungen müssten behandelt werden. Wegen der Schwere der Erkrankung liege die mittlere Verweildauer bei 60 Tagen, bei Anorexie (Magersucht) sogar bei sechs Monaten. Dadurch würden stationäre Betten blockiert. Lettgen appellierte an den Sozialminister, sich für eine Erhöhung der stationären Bettenzahlen einzusetzen – sonst könne der Versorgungsauftrag nicht in ausreichendem Maße erfüllt werden.

Die Feier wurde musikalisch eröffnet und beendet von den jungen Sängerinnen Vanessa Schütz, Vanessa Carlton und Viona Wieg. Ihr Musiktherapeut Christian Gessner begleitete sie am Piano.

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