Einsatz für die Kleinsten:

Frühgeburt ist kein Handicap

Positiv überleben: In der Neonatologie werden auch Fliegengewicht-Babys über die Runden gebracht – Besuch von ZDF-Moderator Steffen Seibert.

Zweimal war Steffen Seibert bereits Vater geworden – „Geburten wie im Bilderbuch“, so schilderte es der Moderator des ZDF-Heutejournals gestern in Darmstadt –, beim dritten Mal jedoch war alles anders: Seiberts Frau erlitt zu Hause eine Frühgeburt, verbunden mit hohem Blutverlust. „Eine extreme Situation“, so Seibert. „Hätte es nicht Krankenhäuser wie dieses gegeben, ich hätte das Kind verloren – und meine Frau womöglich dazu.“

Der erste „Welttag des Frühgeborenen“, der gestern begangen wurde, hatte Seibert nach Darmstadt gebracht. Der Mainzer Moderator, lange Zeit Schirmherr des Bundesverbands „Das frühgeborene Kind“, besuchte hier die Neonatologie, die Intensivstation für Frühgeborene im Klinikum. Eine Station, die ganz Südhessen versorgt. Und inzwischen „aus allen Nähten platzt“, wie ihr Leiter, der Kinderarzt Georg Frey, sagte. Die Neonatologie genießt Gastrecht in der Frauenklinik.

Der Enge zum Trotz zog Frey gestern eine beeindruckende Bilanz. Seinen Worten zufolge ist kaum eine andere Sparte klinischer Medizin so erfolgreich wie die Behandlung Frühgeborener. Wobei es hier nicht mal allein ums Überleben an sich geht, wie Frey sagte, sondern „ums positive Überleben“.

Damit ist zweierlei gemeint: Die Risiken körperlicher Schäden und dauerhafter Behinderungen zu minimieren, indem die drohende Frühgeburt doch so lange wie möglich hinausgezögert und die Therapie danach perfektioniert wird.Das andere aber ist das Trauma, das der frühgeborene Mensch erleidet – und seine subtilen Folgen. Schließlich wird das Baby zu einem Zeitpunkt den Reizen der Umwelt ausgesetzt, für die es noch gar nicht reif ist.

Und schließlich sind da noch die Eltern. Auch für sie ist die Frühgeburt ihres Kindes psychischer Stress von ungeahntem Ausmaß – neben vielen praktischen Fragen, denen sie sich unvorbereitet gegenüber sehen. „Es Klinikum – Positiv überleben: In der Neonatologie werden auch Fliegengewicht-Babys über die Runden gebracht – Besuch von ZDF-Moderator Steffen Seibert gibt große seelische Dramen“, gestand Steffen Seibert ein.

Auch darauf muss sich die Neonatologie einstellen. Aber wie? Der medizinische Apparat ist zunächst ganz auf Lebenserhalt und körperliche Heilung ausgerichtet. Das ist auch das, was die Krankenkassen bezahlen. „Aber man wird als Arzt zum Erstpsychologen“, wie es Frey formulierte. Er hat es mit Eltern zu tun, die nicht nur verunsichert sind, massive Ängste haben, sondern oft genug noch von Schuldgefühlen geplagt werden: Warum habe ich es nicht geschafft, mein Kind bis zum normalen Geburtstermin auszutragen?

Psychotherapie als Regelleistung ist jedoch nicht vorgesehen – auch wenn im Klinikum eine Psychologin angefordert werden kann. Es bleibt das Team, Frauenärzte, Kinderärzte und gleichermaßen die Pfleger und Krankenschwester, die Leid und Not auffangen, Mut machen und aufklären. Manchmal helfen dabei schon Kleinigkeiten,wie jetzt eine mit Fischmotiven gestaltete Wand im Foyer der Station, die von der Architektin Angela Fritsch entworfen wurde.

Förderverein stiftet eine Lärmampel

Oder die vom „Förderverein der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret“ gestiftete Lärmampel. Eine Lampe, die von grün auf rot springt,wenn es im Umfeld der Frühchen zu laut wird – wozu schon ein in normalem Ton auf dem Flur geführtes Erwachsenengespräch ausreicht. Frühgeborene sind extrem empfindlich; Seibert berichtete, wie er erschrak, als eines Tages mal ein Vater mit dem Finger an den Brutkasten nebenan klopfte: „Na mein Kleiner?“

„Das ist so, als würde man hinter einem Erwachsenen Kanonenschüsse abfeuern“, erklärte Frey. An Wünschen fehlt es folglich nicht. An der Enge in der Frauenklinik wird sich wenig ändern lassen. Froh wäre man, wenn sich wenigstens ein Mutter-Kind-Zimmer einrichten ließe. Denn das gibt es bislang nicht. In der Regel werden die Mütter drei Tage nach der Entbindung entlassen; wenn sie dann ihr Baby, das oft noch Monate in der Klinik bleibt, besuchen wollen, müssen sie sich zwischen die Brutkästen quetschen.

Seibert leuchtete dies unmittelbar ein. „Das ist kein Luxus“, sagte der ZDF-Moderator, „das Wohlbefinden der Eltern ist ganz wichtig – und es teilt sich dem Kind mit. In Seiberts Fall ist alles gut gegangen. Das Frühchen, das damals „glücklich gerettet wurde“, wie er sagte, ist inzwischen acht Jahre alt, „ein komplett gesunder Knabe“.

Frühgeburt, so setzte er hinzu, „ist keine Schuld – und es ist kein Handicap.“

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